Kölner Philharmonie

Gürzenich-Orchester Köln

Antoine Tamestit | Viola
Foto: Jose Lavezzi
Antoine Tamestit | Viola
Foto: Jose Lavezzi

Lebensträume
Konzert - Berlioz, Ives

Sylvain Cambreling, Dirigent
Antoine Tamestit, Viola


Hector Berlioz (1803-1869)
»Les Franc-Juges« Ouvertüre (1825/26, rev. 1829)

Als der junge Hector Berlioz am 26. Mai 1828 in Paris in der Opéra sein erstes Konzert mit eigenen Werken gab, standen auch zwei seiner eigenständigen Konzertouvertüren auf dem Programm: neben der „Grande Ouverture de Waverly“ noch die ursprünglich für eine niemals ausgeführte Oper vorgesehene Ouvertüre „Les francs-juges” („Die Femerichter“, 1826), beides beachtliche Talentproben, in denen sich bereits neue musikalische Ideen abzeichnen und die aus heutiger Sicht als direkte Vorläufer der Sinfonischen Dichtungen Franz Liszts zu betrachten sind. Das Genre der Konzert-Ouvertüre wird hier, wie auch in den späteren Beiträgen Berlioz’ zu dieser Gattung, durch freiere formale und inhaltliche Gestaltung weit überschritten und mit koloristischen Einfällen im Orchestersatz bereichert, ohne dass dafür konkrete Vorbilder namhaft gemacht werden könnten. Entscheidend für den musikalischen Reichtum an Phantasie in diesen Ouvertüren waren stets die literarischen Anregungen. Berlioz hatte als Vorlage für seine nicht realisierte Oper „Les francs-juges“ das Libretto seines Freundes Humbert Ferrand genommen.
Die ausgedehnte „Adagio“-Einleitung der Ouvertüre ist bestimmt durch den starken Kontrast zwischen dem Pianissimo-Beginn und dem zwanzig Takte später unvermittelt in größter Klangentfaltung einsetzenden Des-Dur-Thema. Dieses Thema, das den Grundcharakter der Oper ausdrückt, wird zum Zentralthema der Ouvertüre; es kehrt in der Coda als dynamischer Höhepunkt des ganzen Satzes wieder, und ein charakteristisches Fragment des Themas trennt in Exposition wie in Reprise die beiden Themenbereiche voneinander. Im „Allegro“ ist nach Art eines Sonatensatzes dem heftigen ersten Thema ein zweites gegenübergestellt, das in der Exposition heiter-beweglichen Charakters ist, in der Reprise jedoch zum triumphalen Marsch verwandelt wird und somit direkt zum dynamischen Höhepunkt hinführt. Die Stelle der Durchführung vertritt ein thematisch beziehungsfreier, kontrastierender Mittelteil: Eine Melodie in Flöten und Klarinetten, die wie Berlioz in einem Brief erläuterte, „ein Adagio ist, umgeschrieben in Notenwerte des Allegro“, und die mit disparat dazwischenfahrenden Streicherfiguren kombiniert ist.


Charles Ives (1874-1954)
»Three Places in New England« (1914/29)

Charles Ives komponierte zwei Orchestersuiten, deren bekannteste den Titel „Three Places in New England“ trägt. Die Uraufführung fand 1931 in New York statt. Die Suite besteht aus drei Sätzen, wobei ein schneller Mittelsatz von zwei langsamen eingerahmt wird. Sie stehen für drei Orte in Ives‘ Heimat, ebenso aber auch für drei unterschiedliche historische und soziale Situationen, die Ives in ausführlichen Texten verbal erläuterte, ohne dass die Musik ins nur Deskriptive abgleiten würde. Der erste Satz handelt von „Oberst Shaw und seinem Farbigen-Regiment in den St. Gaudens in Boston Common“. Es ist eine Episode aus dem Unabhängigkeitskrieg der USA, welche in der großen Grünanlage nahe dem Stadtzentrum von Boston spielt. Die Atmosphäre dieser Zeit beschwört der Komponist in einer Fülle alter Märsche und alter Lieder wieder herauf. In sensiblen, sparsamen und sehnsüchtigen Tönen lässt Ives hier die Kämpfe und Bedrängnisse spüren, denen die Männer des Regiments, welches der Offizier Robert Gould Shaw für die Unionsarmee aufgebaut hatte, ausgesetzt waren.
Der zweite Satz „Putnam’s Camp in redding, Connecticut“ ist dagegen komplexer aufgebaut. Der Zeitebene des Unabhängigkeitskrieges wird eine zweite gegenübergestellt, in der die Wachträume eines Jungen aus späterer Zeit – am 4. Juli, dem „Independence Day“ – geschildert werden, der von der damals missachteten „Göttin der Freiheit“ träumt. Deren Gesicht ist allerdings „sorgenvoll, sie fleht die Soldaten an, ihre Sache nicht zu vergessen“. Beide Ebenen werden von Ives‘ Reflexionen überwölbt. Die Musik vollzieht diesen Aufbau nach: Ohne sich zu vermengen, steht musikalisches Material verschiedener Epochen unverbunden nebeneinander. Zugleich bewirkt die Musik aber auch eine Perspektivenverschiebung: zeitlich Nahes entfernt sich, Abgelegenes rückt näher heran – die Musik offenbart so die Tiefenstruktur der Ereignisse. Der dritte Satz stellt einen Morgenspaziergang des Ehepaares Ives an den Ufern des Flusses Housatonic dar: Ein „Sonntagmorgenspaziergang in der Nähe von Stockbridge (Massachusetts), den ich zusammen mit meiner Frau im Sommer nach unserer Hochzeit unternahm. Der Morgennebel hatte sich noch nicht ganz aufgelöst, und die Farben, das fließende Wasser, das Ufer und die Bäume verflossen zu einem unvergesslichen Eindruck“ (Ives). Die Musik, die sich an einem Gedicht des amerikanischen Lyrikers Robert Underwood Johnson orientiert, erweckt hier in lyrischer Entrücktheit den Eindruck von unberührter Natur und völliger Stille. Aus dem Nebel eines musikalischen Gewebes schälen sich langsam festumrissene Motive heraus, die so die allmähliche Auflichtung des Morgens nachzeichnen. Den Schluss gestaltet Ives offen: Die Musik bricht ab, was wie eine transzendierende Geste wirkt.


Hector Berlioz
»Harold en Italie« Sinfonie in vier Teilen mit obligater Viola (1834) – Sinfonie in vier Teilen mit solistischer Viola

Den Winter 1833/34 verbrachte Paganini in Paris und bestellte bei Berlioz ein Konzert für seine Stradivari-Viola. Das Honorar war überaus großzügig bemessen und kam dem ständig in Geldnöten lebenden Komponisten überaus gelegen. Das aus diesem Auftrag entstandene Werk „Harold in Italien“ fand freilich nicht das Wohlgefallen des Auftraggebers, weil es ihm zu wenig virtuose Aufgaben bot. Paganini hat das Werk denn auch nie gespielt. Berlioz' wenige Jahre erst zurückliegende Begegnung mit Italien, seinen Naturschönheiten und seinem kraftvollen Volksleben, bilden den autobiographischen Hintergrund der Komposition, während der literarische Bezug auf Lord Byrons Versepos „Childe Harold's Pilgrimage“ (1812-18) unverbindlich bleibt. Keine der Szenen der Sinfonie erscheint im Versepos vorgeformt. „Harold als poetisches Subjekt der Sinfonie ist eine halb autobiographische und zugleich Byronsche Gestalten paraphrasierende Figur.“ (W. Dömling) Und trotz des ausgewiesenen Soloinstrumentes handelt es sich bei „Harold en Italie“ nicht um ein Konzert, sondern um eine Sinfonie. Die Solobratsche verleiht dem Werk zum einen eine besondere Klangfärbung und sie verkörpert zum anderen Harold, den melancholischen Träumer, der die Szenen der Sinfonie erlebt. Das Harold-Thema, das in allen Sätzen der Sinfonie fast unverändert wiederkehrt, ist denn auch vorzugsweise dem Soloinstrument zugeordnet. Der Kopfsatz mit der Überschrift „Harold aux montagnes. Scènes de mélancolie, de bonheur et de joie“ („Harold in den Bergen. Szenen der Melancholie, des Glückes und der Freude“) beginnt mit einer langen Einleitung („Adagio“), die das Harold-Thema breit entfaltet. Der Hauptteil des Satzes („Allegro“) und die breitausladende Schluss-Coda variieren mehrmals zwei unterscheidbare Themen sowohl im Tempo wie auch im Ausdruck.
Im zweiten Satz, „Marche de pélerins, chantant la prière du soir“ („Marsch der Pilger, die das Abendgebet singen“), nähert sich in marschähnlicher Bewegung ein Pilgerchor, dessen ständig lauter werdendem Gesang das Harold-Thema, im „Adagio“-Tempo von der Solobratsche vorgetragen, kontrastiert. Der Mittelteil des Satzes bringt ein ‚canto religioso’ der Pilger in der Art Palestrinas, bevor im Schlussteil der Pilgerchor weiterzieht, verdeutlicht durch ein Wiedererscheinen der anfänglichen Melodie, nun allerdings im Decrescendo. Umrahmt von „Allegro“-Passagen im Charakter einer Siciliana, steht im Mittelpunkt des dritten Satzes, „Sérénade d'un montagnard des Abruzzes à sa maitresse“ („Serenade eines Bergbewohners der Abruzzen für seine Liebste“, „Allegro assai – Allegretto“), die Melodie einer Serenade, zu der wiederum das Harold-Thema den Kontrast abgibt. Der Schlussteil verknüpft überaus kunstvoll die verschiedenen Elemente des Satzes: die Melodie der Serenade, das Harold-Thema und den punktierten Grundrhythmus der Siciliana. Der Finalsatz, „Orgie de Brigands. Souvenirs de scènes précédentes“ („Gelage der Räuber. Erinnerungen an vergangene Szenen“, „Allegro frenetico“), beginnt mit einer weit ausholenden Einleitung, bei der die Entwicklung des Themas in verschiedenen Anläufen immer wieder unterbrochen wird durch Reminiszenzen an die vorangegangenen Sätze. Nach fast 120 Takten beginnt der Hauptteil des Satzes, der Form nach eine Exposition ohne Durchführung, dem Charakter nach eine wilde orgiastische Musik, die an das Finale von Berlioz’ „Symphonie fantastique“ erinnert. Im Hauptteil des Finalsatzes tritt der Solist überhaupt nicht mehr in Erscheinung; Harold soll – so die spätere Deutung von Berlioz hierfür – vor der „Orgie der Briganten“ erschrocken die Flucht ergriffen haben.




Empore: Einführung in das Konzert

Heidi Rogge

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Letzte Aktualisierung: 08.07.2020 19:30 Uhr     © 2020 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln