Kölner Philharmonie

NHK Symphony Orchestra Tokyo

Paavo Järvi | Dirigent
Foto: Zdenek Chrapek
Paavo Järvi | Dirigent
Foto: Zdenek Chrapek

Konzert - Takemitsu, Schumann, Bruckner

Paavo Järvi, Dirigent
Sol Gabetta, Violoncello

Toru Takemitsu (1930-1996)
How slow the Wind für Orchester (1991)

Toru Takemitsu gilt als einer der bedeutendsten Komponisten Japans. Er hatte zwar Ende der 1940er-Jahre einige Zeit als Privatschüler Komposition bei Ysasuji Kiyose in Tokio studiert, war aber im Übrigen hinsichtlich seiner musikalischen Ausbildung ein Autodidakt. Dies erklärt zum Teil den originellen und eigenständigen, von der Musiktradition weitgehend unabhängigen Stil seiner Kompositionen, selbst wenn einige frühe Werke Einflüsse der Wiener Schule um Arnold Schönberg erkennen lassen oder in ihrer Harmonik und Melodik auf die französische Musik von Debussy bis Messiaen verweisen. Der japanische Komponist zeichnete sich durch eine große Offenheit gegenüber allen avantgardistischen Kompositionstechniken von der „Musique concrète“ bis zur Aleatorik und freien Improvisation aus. Die Stille hat in seinem Werk häufig den gleichen Stellenwert wie der Klang, den er aus den verschiedensten Quellen entstehen lässt und auf originelle Weise zu großer Raumwirkung entfaltet. Auch Klänge aus der alltäglichen Umwelt werden von ihm bewusst eingesetzt und mit verschiedenen Bedeutungen versehen. John Cage meinte einmal: „Ich kann mir Toru Takemitsu vorstellen, wie er durch Japan reist, nicht um verschiedene Ansichten des Mondes zu erhalten, sondern um, sagen wir, den Wind durch unterschiedliche Bäume wehen zu hören und mit einer Gabe in die Stadt zurückzukommen. Diese Gabe besteht in der Umwandlung von Natur in Kunst.“ Takemitsu war fasziniert von der unsichtbaren Bewegung des Windes. Die Umwandlung dieser Begeisterung ist in den wechselnden Klangperspektiven seines 1991im Auftrag des Scottish Chamber Orchestra komponierten Orchesterwerkes „How slow the wind“ zu hören. Die Uraufführung fand am 6. November 1991 in Glasgow beim Japan Festival unter Jukka-Pekka Saraste statt. Der Titel ist einem 1883 entstandenen Gedicht der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson entnommen. Es besteht aus nur drei Zeilen und dreht sich um eine enigmatische Naturschilderung: „How slow the Wind – how slow the Sea – how late their Feathers be!” Wie vielleicht zu erwarten wäre, wird in dem Werk nicht mit kompositorischen Mitteln detailgetreu das Naturschauspiel geschildert – auch wenn die suggestive Musik durchaus Assoziationen an Wasser und Wind erweckt. Takemitsu ging es vielmehr darum, mit Hilfe feinster Nuancierung in der zurückhaltenden Farbgebung spielerisch die wechselnden Klangperspektiven darzustellen. Am Anfang formieren sich sieben Töne zu einer Melodie. Diese wird im weiteren Verlauf aus immer neuen Blickwinkeln beleuchtet und durchläuft zahlreiche Metamorphosen. Fast scheint es, als würde der Wind die Melodie sacht hin und her flattern lassen. Takemitsu scheut dabei nicht vor Dissonanzen zurück, auch nicht vor instrumentalen Reibungen: Immer wieder sind in seinem „Orchestergarten“ extreme Register zu hören. Zwischendurch erklingt das bizarre Läuten von Kuhglocken. Am Ende löst sich das Geschehen magisch auf.

Robert Schumann (1810-1856)
Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll op. 129 (1850)

Schumanns einziges Cellokonzert entstand in einer glücklichen Phase seines Lebens: 1850 war er einem Ruf nach Düsseldorf gefolgt, wo er als Nachfolger Ferdinand Hillers für drei Jahre als städtischer Musikdirektor die Sinfoniekonzerte leitete. Voller Optimismus trat er dieses Amt an und komponierte im Oktober 1850 das Cellokonzert, das er am 24. Oktober, dem Tag seines ersten Sinfoniekonzertes in Düsseldorf, abschloss, später allerdings noch einmal umarbeitete. Im Tagebuch seiner Frau Clara findet sich die Notiz, dieses Werk sei „besonders so recht im Cellocharakter geschrieben“. Und unter dem Datum des 11.10.1851 notiert Clara: „Ich spielte Roberts Violoncellkonzert einmal wieder und schaffte mir dadurch eine recht musikalisch glückliche Stunde. Die Romantik, der Schwung, die Frische und der Humor, dabei die höchst interessante Verwebung zwischen Cello und Orchester ist wirklich ganz hinreißend, und dann, von welchem Wohlklang und tiefer Empfindung sind alle die Gesangsstellen darin!“ Ob das Werk zu Lebzeiten des Komponisten jemals aufgeführt wurde, ist nicht bekannt. Die erste nachgewiesene Aufführung mit Klavierbegleitung fand am 9. Juni 1860 im Leipziger Konservatorium statt, und erst für den 10.12.1867 – also fast zehn Jahre nach Schumanns Tod – ist eine Aufführung mit Orchester in Breslau nachgewiesen. Das Werk trug ursprünglich den Titel „Concertstück für Violoncell mit Begleitung des Orchesters“. Dieser Titel gibt einen Hinweis auf eine formale Besonderheit des Werkes: Die drei Sätze folgen einander nämlich ohne Pause. Im ersten Satz („Nicht zu schnell“), der nach wenigen Einleitungstakten des Orchesters mit dem weit ausschwingenden Hauptthema des Soloinstrumentes einsetzt, kommen die gesanglichen Möglichkeiten des Violoncellos in allen Lagen wirkungsvoll zur Geltung. In vielen Passagen wird der Solist nur von den Streichern begleitet. Die Holzbläser, gelegentlich auch Hörner und Trompeten, fügen markante Akzente hinzu. Überhaupt drängt sich das Orchester niemals auf, der Orchesterpart lässt in seiner durchsichtigen Anlage immer und wie selbstverständlich dem Cello und damit dem Solisten den Vorrang. Allerdings verzichtet Schumann im ersten Satz auf die übliche Kadenz des Soloinstrumentes. Der zweite Satz („Langsam“) entwickelt sich aus einem Orchestertutti, das von einem ganz dem Orchester vorbehaltenen Thema beherrscht wird. Immer wieder sind die lyrischen Qualitäten dieses Satzes hervorgehoben worden. Im Mittelteil des Satzes tritt dem Solisten ein zweites Solocello zur Seite. Dadurch entsteht die Illusion eines mehrstimmigen Akkordspiels. Im Orchester taucht eine Erinnerung an das Hauptthema des ersten Satzes auf. Sie wird vom Soloinstrument aufgegriffen, aber wieder verdrängt. Dann mündet das Ganze in eine dramatisch erregte Passage. Eine kurze Kadenz des Soloinstrumentes leitet zum Finalsatz („Sehr lebhaft“) über. In diesem technisch überaus anspruchsvollen Satz entwickelt sich nun erstmals ein konzertierendes Wechselspiel. Solist und Orchester spielen sich die verschiedenen Themen in ständigem Wechsel zu. Noch einmal erhält das Cello Gelegenheit, seine virtuosen Möglichkeiten in einer Kadenz vorzuführen, die mit einigen markanten Akkorden vom Orchester begleitet wird. Das Werk endet mit einer knappen, aber furiosen Stretta.

Anton Bruckner (1824-1896)
Sinfonie Nr. 7 E-Dur WAB 107 (1881-83)

Nach jahrelangen Enttäuschungen gelang Bruckner erst mit seiner siebten Sinfonie, die er in der Zeit zwischen dem 23. September 1881 und dem 5. September 1883 in Wien komponierte, der ersehnte Durchbruch als Komponist großangelegter sinfonischer Werke. Bei der Uraufführung am 30.12.1884 in Leipzig unter Arthur Nikisch hielt sich der Erfolg zwar noch in Grenzen, aber immerhin notierte Bruckner befriedigt, dass „zum Schluß eine 1/4-Stunde applaudiert wurde“. In der „Kölnischen Zeitung“ war dann zu lesen: „Anfangs Befremden, dann Fesselung, dann Bewunderung, schließlich Begeisterung.“ Noch größer war jedoch der Erfolg, als Hermann Levi die Sinfonie erstmals in München vorstellte. Diese Aufführung veranlasste sogar die berühmten Wiener Philharmoniker, die ansonsten Bruckner wenig schätzten, das Werk in ihr Programm zu nehmen. Auch in Wien war das Publikum begeistert. Nur Bruckners Intimfeind, der berühmte Kritiker Eduard Hanslick, schrieb auch über diese Sinfonie einen seiner üblichen Verrisse und nahm nur „unabsehbares Dunkel“ wahr. Doch zwei Jahre später bestätigte eine glänzende Londoner Aufführung unter Hans Richter die steigende Geltung des nun über 60-jährigen Meisters. Die Partitur der Sinfonie ist dem Bayernkönig Ludwig II. gewidmet. Und vielleicht ist keine andere von Bruckners Kompositionen so sehr von Wagner beeindruckt wie diese. Der zweite Satz scheint eine große Totenklage zu sein, denn während Bruckner an ihm arbeitete, erreichte in die Nachricht von Wagners Tod. Und in der Instrumentation des Werkes finden sich zum ersten Mal vier Wagnertuben, dem Vorbild des von ihm so verehrten Bayreuther Meisters folgend, die hier dem sinfonischen Ensemble einverleibt werden. Bei dem ersten, majestätischen Satz („Allegro moderato“), nach dem Formschema des Sonatenhauptsatzes angelegt, fällt vor allem das bei Bruckner einzigartige melodiebetonte Hauptthema auf, das nicht weniger als 21 Takte umfasst. Noch zwei weitere Themen werden in der Exposition vorgestellt, die wie immer bei Bruckner im Pianissimo verklingt. Aus diesen drei Themenkomplexen entwickelt der Komponist eine spannungsvolle, kontrapunktisch verdichtete Durchführung. Die Reprise bereitet die ausgedehnte Coda vor. Das Werkzentrum bildet das ergreifende Adagio („Sehr feierlich und sehr langsam“), das als Trauermusik für Wagner komponiert wurde. Hier erscheint das Tubenquartett, das dem Bläsersatz eine besondere Färbung verleiht. Der Höhepunkt der Sinfonie liegt genau in der zeitlichen Mitte des Werkes, an jener Stelle in C-Dur des Adagios, die durch einen bis heute umstrittenen Becken-Schlag markiert wird. Dieser vom Komponisten zunächst gebilligte, später aber widerrufene Eingriff in die ursprüngliche Partitur geht auf Bruckners Freunde und musikalische Berater zurück. Im deutlichen Kontrast zum langsamen Satz steht das folgende Scherzo („Sehr schnell“), das gespenstisch dahinjagt. Obwohl das Hauptthema auf den Naturintervallen der reinen Quarte und Quinte basiert, geht ihm doch jede Naturidylle ab. Nur im Trio kommt die vorwärtsdrängende Musik etwas zur Ruhe und entfaltet größere melodische Bögen. Der wuchtige Finalsatz („Bewegt, doch nicht zu schnell“) gehört in seiner Vermischung von Rondoform und Sonatenhauptsatz zu den originellsten Formexperimenten Bruckners. Die Reihenfolge der drei Themen wird in der Reprise umgekehrt. Das Hauptthema weist eine enge Verwandtschaft zum Hauptthema des Kopfsatzes auf. Auch in den anderen Themen klingen Erinnerungen an die beiden ersten Sätze an. Wie im Kopfsatz gipfelt auch im Finale das musikalische Geschehen in der Coda, die noch einmal das Eingangsthema des ersten Satzes zitiert und damit das Ende dieser Sinfonie unauflösbar mit dem Anfang verknüpft.

Heidi Rogge

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Letzte Aktualisierung: 09.07.2020 19:30 Uhr     © 2020 Theatergemeinde KÖLN | Auf dem Berlich 34 | 50667 Köln